> Karstadt-Ruhrmarathon 2004 <

> Kommentar Nicklars Achenbach:
Da ich ja schon immer mal das Ziel und den Traum hatte einen Marathon zu laufen bot sich der Ruhr Marathon durch die Heimat natürlich an. Da ich ja sowieso immer joggen ging, meldete ich mich letztes Jahr im November an. Von da an galt es zu trainieren. Habe dann beim Silvesterlauf in Soest meine erste Wettkampfpraxis gesammelt und bin 15 km gelaufen in einer guten Stunde; mit 8000 anderen Bekloppten in eisiger Kälte. Schon da war es ein tolles Gefühl von all den Fans am Straßenrand angefeuert zu werden und mit so vielen Menschen gemeinsam zu laufen. In den Monaten danach bin ich dann fast jeden Tag gelaufen. Anfang März lief ich dann nach einer total trainingsintensiven Woche erstmals 30 Kilometer und spielte am Abend noch Fußball. Daraufhin hatte ich Probleme mit der Patellasehne, wegen Überbelastung und zu wenigem Dehnen (hatte ich eh noch nie gemacht, mich gedehnt). Das erste Mal musste ich verletzungsbedingt eine Woche pausieren, und danach ging es auch noch zur Skifahrt nach Valmorel... nur gut, dass der Herr Doktor mir nur eine Creme verschrieb und ich von den angebotenen Spritzen ins Knie Abstand nahm. :-(. Schlecht sah es also aus mit der Marathonvorbereitung und dem Ziel Durchkommen zu diesem Zeitpunkt. In Valmorel schmerzt das Knie noch immer, trotzdem fahre ich morgens Ski und abends zwing ich mich zum Joggen: Sieben Kilometer berg runter und dann sieben km wieder bergauf in den Schikanen in denen sich sonst Jan Ullrich und Lance Armstrong bei der Tour hochquälen. Absolut geniales Höhentraining. Es geht bergauf, das Knie schmerzt kaum noch.

Danach zwei Wochen "Trainingslager" auf der niederländischen Insel Texel. Gut, dass Semesterferien sind! Weite, weiche Sandstrände, ideal für die vielbelasteten Knie. Ich jogge fast jeden Tag, zwei 30 Kilometerrunden sind dabei. Am letzten Sonntag vor dem Marathon dann noch einmal 30 Kilometer bergauf und bergab bei uns im Wald , die Generalprobe. Ich fühl mich fit wie nie. Doch reicht das für 42,195 Kilometer?

Dann die Woche vor dem Marathon: Am Dienstag dreh ich noch eine kleine 12 km Runde im Wald! Bloß nichts falsch machen jetzt. An den zwei Tagen vor dem Marathon dreh ich keine Runden mehr im Wald, aber fast völlig durch. Darf ich Tischtennis spielen? Sind die Beine dann auch nicht nachher schwer? Darf ich Obst essen, oder ist das schlecht für die Verdauung? All so was beschäftigt dich in dieser Situation. Aber die Vorfreude steigt.

Dann am Sonntagmorgen geht es endlich los. In Lüttgendortmund findet man keinen Parkplatz. Vor dem Marathon pilgern wir erstmal zu Fuß mehrere Kilometer zum Start. Dort herrscht Volksfeststimmung. Interviews mit Peter Kloeppel und Joey Kelly, die beide mitlaufen unterhalten die Menge. Meine Brüder, mein Vater (die den Halbmarathon mitlaufen) und ich stehen leider ganz hinten im Starterfeld im Bereich D. Im Feld A starten die Leute, die schon gute Ergebnisse vorzuweisen haben und die Profis, so geht es abgestuft runter bis Feld E. Da ich noch keinen Marathon gelaufen bin, aber früh angemeldet war sprang halt das Feld D raus. Ich sehe mich schon wie damals beim Silvesterlauf in Soest um die ganzen Leute herumkreisen und befürchte am Anfang stecken zu bleiben. Und hier starten schließlich 23 000 Leute. Ich drängele mich also in den vorderen Bereich des C-Feldes vor. Von hier aus stehen schon deutlich mehr Leute hinter mir als vor, mir. Erster Erfolg also! Obwohl ohnehin der Chip erst aktiviert wird, und die persönliche Zeitmessung erst läuft, wenn man die Startlinie überschritten hat.

Punkt 10 Uhr dann der Startschuss. Tausende von Luftballons steigen in den Himmel und die Masse setzt sich in Bewegung. Die Favoriten zuerst, die letzten Starter werden die Strecke wohl erst 15 Minuten später betreten. Ich hingegen geh bereits zwei Minuten nach Beginn des Laufes auf die Strecke, da ich mich immer weiter nach vorne gemogelt habe. Jetzt fühl ich mich topp fit und bin in meinem Element. Ich überhole ständig Leute und lasse den größten Teil des Felds schon schnell hinter mir. Ich bin jung und bei meinem ersten Marathon topp motiviert. Die älteren erfahrenen Leute, die fast alle Laufvereinigungen angehören, lassen es beruhigter angehen und haben sich das Rennen eingeteilt. Ich natürlich nicht. Ich laufe einfach drauflos.

Nach 8 Kilometern geht es durchs Opelwerk in Bochum. Ich bin bereits ziemlich weit vorne. Ich laufe viel schneller als auf den Trainingsrunden. Das kann eigentlich nicht gut gehen. Nach 10 Kilometern steht eine Zwischenzeit von 42 Minuten netto. So schnell war ich noch nie auf 10 Kilometern. Doch weiter geht es. Der Jubel der Zuschauer trägt dich nach vorne. Zudem sind immer noch viele Leute vor dir, die du überholen willst. Auf den nächsten 10 Kilometern unterbiete ich meine gerade aufgestellte 10 Kilometerbestzeit: 39 Minuten für die Kilometer 11-20! Dann das Halbmarathonziel. Meine Zeit bleibt bei 1:27 stunden stehen. Unter 3 Stunden laufen nur die absoluten Topathleten eigentlich. Wenn ich das durchstehen könnte, wäre ich schon ein richtiger Marathongott.

Ein guter bekannter, der viele Marathons gelaufen ist, hat mir immer erzählt, dass er so eine Zeit nie geschafft hat. Einmal hatte er jedoch auch eine Zwischenzeit von 1:27 brach dann jedoch völlig ein. Bei mir läuft es hingegen gut. Für die Kilometer 20-30 brauch ich wieder nur sensationelle 42 Minuten. Bei 28 Kilometern liege ich bei zwei Drittel der Strecke mit 1:56 Minuten total auf 3 Stunden Kurs. Ich laufe mit einem ca. 30 jährigen Mann zusammen, der schon seinen 10 Marathon bestreitet. Wir überholen immer noch Mann um Mann.

Ich habe die ganze Zeit immer wieder was getrunken und immer wieder Bananen gegessen, das scheint sich auszuzahlen. Doch nach 32 Kilometern kommt der Einbruch. Scheinbar bin ich zu schnell angegangen. ich habe zwar keine Seitenstiche und fühle mich fit, aber die Beine sind plötzlich schwer wie Stein. Bezeichnenderweise befinden wir uns gerade im Herzen Gelsenkirchens. Ein übler Punkt um schlappzumachen. ich will schneller laufen, der Kopf ist willig, doch die Beine lassen es nicht zu. Ich muss mit dem Tempo runtergehen. Ich sag meinem Begleiter bescheid und wünsch ihm viel Glück, er soll's es alleine packen. Fühle mich an die Werbung dieser einen Programmzeitschrift erinnert:"Lasst mich alleine zurück...". Erfolgt jetzt der Einbruch?!

Am nächsten Getränkestand trink ich Cola, bleib kurz stehen. Noch 10 Kilometer. Es geht wieder etwas besserem, doch dann wieder diese schweren Beine. Es läuft nicht mehr rund. So weit bin ich noch nie gelaufen. Das erste Mal hab ich beim Laufen schwere Beine. Nach 35 Kilometern kommt der Punkt, an dem es ernst wird. Die restlichen Kilometer sind von der Anstrengung her so schwer, wie die vorherigen 35. Hat mein Bekannter immer gesagt. Jetzt kann ich ihm nur voll und ganz zustimmen. Dabei lief es bis jetzt so gut. Die Beine waren wirklich urplötzlich schwer. Doch die phantastischen Fans am Straßenrand rufen meinen Namen, der unter meiner Nummer steht, und feuern mich ununterbrochen an. Kleine Kinder muss man per Handschlag abklatschen. Es muss einfach weitergehen. Zudem steht im Ziel meine Freundin, die auf mich wartet. Solche Gedanken geben mir einen neuen Motivationsschub. Es geht immer weiter, immer weiter, hat Oliver Kahn mal gesagt.

Tapfer laufe ich auch weiter. Allerdings jetzt deutlich langsamer natürlich. 35 Km: Die Nachricht erreicht mich, dass der erste Läufer bereits im Ziel ist. Nach 38 Kilometern und 2:44 Stunden ist die 3 Stunden-Marke außer Reichweite. Egal: 4 Stunden beim ersten Marathon, dass war die Vorgabe des Bekannten, und mein Ziel war nach dem Durchkommen eigentlich 3:30 Stunden. Bei Kilometer vierzig dann große Zweifel. So fertig war ich vom Sport noch nie. Jetzt überholen mich ständig irgendwelche Leute zurück. 30 Mann gehen noch an mir vorbei. Ich hoffe ich sehe nicht so fertig aus, wie die Leute um mich rum, wenn ich gleich auf den Berliner Platz in Essen laufe, auf dem noch einmal Tausende von Leuten mit Rasseln und Tuten auf mich und die anderen warten.

Kurz davor der letzte Hügel, um mich herum gehen die Leute: "Gleich gibt's Bier rufen die Zuschauer. Das ist der letzte Berg." Plötzlich sehe ich den roten Lappen, der den letzten Kilometer anzeigt. Gleich ist es geschafft. Den letzten Kilometer unter den tosenden Applaus der Massen kann ich nur noch genießen.

Dann endlich das Ziel. Noch einmal zusammenreißen und freundlich in die Kamera des WDR lächeln. Hinter der Ziellinie werden einige Läufer medizinisch behandelt und einige sogar mit Bahren weggetragen. Das hab ich nicht nötig. Doch sobald ich aufhöre mit dem Laufen und gehe, kann ich nur noch Humpeln. Plötzlich tun mir die Beine so was von weh, wie noch nie. Ich humpele weiter und gucke erst jetzt auf die Uhr. Starke 3:05:58 lese ich ab. Eine sensationelle Leistung eigentlich. Ich humpele weiter und sehe meine Freundin hinter dem Gitter. Ich habe es wirklich geschafft. Sie hat noch gar nicht mit mir gerechnet. Ich frage mich, ob ich wohl unter den ersten 2000 Leuten bin, kann es nicht einschätzen.

Erstmal humpele ich weiter, bekomme Medaille, Finisher-Shirt, Bananen, ekelhafte Powerriegel und all so was. Ich lege mich auf die Massagebank; die Massage macht es nur noch schlimmer. Beim Duschen fällt mir das Shampoo runter. Beim Bücken hab ich Höllenschmerzen, da die Beine einfach nichts mehr mitmachen. Ich schleppe mich aus dem Athleten-Bereich und ab geht es nach Hause. Trotz der Schmerzen ein absolut unvergessliches Erlebnis, dass ich niemals vergessen werde.

Zu Hause dann die positive und sensationelle Überraschung. Ich belege den 174. Platz in der Gesamtwertung; bei 23 000 Teilnehmern insgesamt nicht schlecht. Allerdings waren auch vier Frauen schneller als ich ;-). und das Beste: Ich habe total überraschend meine Altersklassenkonkurrenz gewonnen und belege den ersten Platz in der U 23 Wertung. Ich bin also DIE Marathonhoffnung des Ruhrgebietes ;-).

Allerdings kommt es wirklich nur aufs Durchkommen an. Der erste Platz ist natürlich schön, aber beim nächsten Mal würde ich den Marathon nicht so schnell angehen. Ich rate euch aber allen: Lauft im nächsten Jahr zumindest mal den halben Marathon mit. Das ist wirklich eine großartige Sache und ein Erlebnis, das ihr nicht vergessen werdet. 600 000 Zuschauer waren diesmal an der Strecke.