> Karstadt-Ruhrmarathon 2005 <

> Kommentar Nicklars Achenbach:
Nun sollte es also so weit sein; nach einem Jahr Marathonabstinenz stand für mich mein 2.Marathon an; natürlich der Karstadtruhrmarathon von Dortmund nach Essen, wo man als Kind des Ruhrgebietes ja quasi verpflichtet ist mitzulaufen.
Nachdem ich im Vorjahr bei meinem Marathondebut ja, mir selbst nie zugetraute 3:05:56 Stunden gelaufen hatte, lautete das absolut ehrgeizige Ziel nun die Drei-Stunden-Grenze zu knacken. Dafür trainierte ich bereits seit dem letzten Ruhrmarathon; zahlreiche andere Halbmarathons und 10 Kilometerläufe in der Zwischenzeit hatten vermeintlich die nötige Wettkampfpraxis gebracht, dazu tausende von Kilometern bei uns im Wald und durch ganz Dortmund, sowie im Urlaub um Ostern herum im "Trainingslager" auf Texel.

Im März dann die Generalprobe beim Halbmarathon in Münster, wo ich in 1:18:14 Stunden sogar überraschend Dritter wurde; die Vorbereitung bis dahin war perfekt gelaufen. Dann nach Ostern jedoch Probleme mit der linken Achillessehne…nun war nichts mehr mit langen Gewaltmärschen um die 30 Kilometer, nur noch kleine Läufe waren ab und an drin; ich war wohl einfach übertrainiert, der Körper schlug zurück für all die Belastungen, die er in den Vorwochen erleiden musste.

Am Samstagmorgen geht es zur Messehalle nach Essen, Startunterlagen abholen und Auto abliefern für den nächsten Tag; hoffentlich kann entweder mein Bruder oder ich noch fahren nach dem Marathon… Bereits in der Messehalle lässt sich die Dimension des nächsten Tages erfassen; tausende von Leuten sind unterwegs, kaum ein Parkplatz zu finden und in der Messehalle selbst der reinste Jahrmarkt.

Am Sonntagmorgen um 8.45 Uhr fahren wir los zum Start, die Straßen rund um die Provinzialstarße sind heillos überfüllt, jede Politesse würde jubilieren, wenn sie die ausgefallenen Parkplatzideen der Autofahrer zu sehen bekommen würde; aber heute wird sicherlich mal ein Auge zugedrückt. Nichts desto trotz standen wir dann pünktlich um 9:30 Uhr am 17.04.05 in der ca. fünften Startreihe des Startfeldes A und warteten gespannt auf den Startschuss von Christoph Metzelder. Um mich herum tausende von Leuten, jeder mit seiner eigenen kleinen Geschichte, die ihn zu diesem Lauf geführt hatte, vor uns 1.Million Menschen, die uns nach vorne peitschen würden und uns auf einer Welle der Begeisterung versuchen würden ins Ziel zu tragen. Noch eine Minute bis zum Start. Kinder sind auf Bushaltestellen geklettert, Anwohner stehen auf ihren Balkons, die Moderatoren am Start verbreiten gute Stimmung. Direkt neben mir mein Bruder Marwin und der treue Gefährte Jens; noch sind wir ein Team, die im letzten Jahr spaßeshalber gegründeten "Hobbyjogger", gleich auf der Strecke werden wir ganz alleine sein, vor einer "Wüste aus Beton und Asphalt".

Dann ist es endlich so weit, der Startschuss fällt; meine Achillessehene spür ich kaum noch, seit letzten Dienstag war ich nicht mehr laufen, habe mich in den letzten Tagen gut ernährt, fühle mich gut…noch…Zu Beginn starten die ambitionierten Halbmarathonis richtig durch und geben gleich mächtig Gas; ich beschließe mich mal dranzuhängen; vorbei sind die guten Vorsätze das Ganze besonnen anzugehen, wie immer gebe ich wider der Vernunft von Anfang an Vollgas…doch diesmal sind es ja keine 10, 15 oder 21 km, sondern mehr als 42…

Nach zehneinhalb Minuten und 3 km weiter, dann schon die Quittung, der Ansatz von leichten Seitenstichen macht sich bereits bemerkbar. Ich nehme etwas Tempo raus, werde besonnener und rede mir ein, dass es heute nicht um meine Halbmarathonbestzeit geht. Erste Bedenken an meiner Tagesform kommen auf; gerade heute schein ich schlecht drauf zu sein…ausgerechnet… Nach 7 km fühl ich mich wieder topfit; Glück gehabt.

Die 10 km Marke fliegt an mir vorbei, 37:30 Minuten, ein anderer Läufer, welcher später Sechster von den Startern aus Dortmund wird, wie ich glaube wiedererkannt zu haben in der späteren Ergebnisliste, fragt mich, was für ein Zeitziel ich hätte, er sucht eine Allianz; diese kann ich ihm nicht geben, er hat zu hohe Ziele, aber die Tatsache allein, dass ich zu diesem Zeitpunkt des Rennens noch bei ihm bin, erschreckt mich…ich bin deutlich zu schnell angegangen… 1Stunde genau gelaufen- 16 km; es bleibt zu schnell.

Dann die Trennung mit den Halmarathonis in Herne, auf einen Schlag bin ich allein auf weiter Flur; die Halbmarathonis scheren aus, ich denke mir meinen Teil und verfluche mich eigentlich, dass ich nicht auch den Halben gelaufen bin, zudem hadere ich mit den "Abkürzern" : die haben es schon geschafft. Bei 1:19:54 Stunden wird meine Halbmarathonzeit gestoppt- keine 2 Minuten über meiner Bestzeit; die ich heute bestimmt geschafft hätte, wie ich mich an dieser Stelle noch einschätze.

Dann geht es jedoch los; Kilometer 22 - ich bemerke eine Blase unter meinem rechten Fuß; die Schuhe waren wohl heute falsch geschnürt…ab jetzt tut jeder Schritt mit dem rechten Bein weh…ich sehe den letzten 20 Kilometern mit einem unguten Gefühl entgegen. Dann wird es hart; ich merke, dass ich mit dem Tempo zurückgehen muss…Kilometer 25,26,27,28 sie ziehen sich bereits endlos - und noch liegt ein Drittel, d.h. ganze 14 Kilometer vor mir. Bis Kilometer 30 geht es jedoch noch ganz gut; ich bin jetzt zwar schon deutlich langsamer als zu Beginn, liege aber immer noch gut im Rennen…

Dann jedoch kommt der Eisenhammer und es geht steil bergab…nun muss ich für das zu hohe Anfangstempo büßen; zudem hab ich in der Vorbereitung zwar zwei Läufe über mehr als 30 Km gemacht, größtenteils endeten meine weiten Läufe aber schon bei 25 Km. Jetzt fehlen mir die weiten Läufe und das hohe Anfangstempo schlägt sich nieder. Ich hab das Gefühl, dass kaum noch was geht… Die Stimmung an der Strecke treibt mich weiter voran, ich bin jetzt viel viel langsamer als zu Beginn… Leute rufen meinen Namen, ich hab nur noch ein Ziel: Ankommen. Die Zeit ist mir in diesen Minuten fast egal. Kinder halten mir ihre Hände entgegen, vor Schwäche kann ich nicht mehr alle abklatschen, ich hoffe, das kommt bei den Kleinen nicht arrogant rüber, ich will keiner von diesen verbissenen Läufern sein an sich, auch wenn es so wirken muss. Ältere Männer am Straßenrand rufen mir zu "Junge halt durch, du schaffst das", ich bin auf jegliche Motivation angewiesen. Die Gelsenkirchener unterstützen mich maßlos, ich denke, gut dass sie nicht wissen, dass ich ein Dortmunder bin, ansonsten wäre es bei mir wohl nicht so laut…ein phänomenales Publikum!

Nun werde ich immer langsamer…ich fange an hochzurechnen, wie lange ich für einen Kilometer brauchen kann, um unter drei Stunden zu bleiben…ein 5-Minuten-Schnitt…dann würde ich es noch schaffen; habe sogar noch zwei, drei Minuten Vorsprung vor dem nötigen 5-Minutenschnitt. Ich rede mir ein, wie nah 8 km doch sind und denke an vergleichbare 8 km-Strecken bei uns im Wald die ich ganz problemlos und ohne Anstrengung laufe könnte an sich, versuche alle Tricks um mich zu motivieren. Km 35, längst bin ich weit zurückgefallen; war ich beim Halbmarathon sicherlich noch unter den ersten 20 Marathonis aus Dortmund, hab ich nun zig Plätze verloren; die anderen haben es geschickter gemacht; fast alles erfahrene Kempen, die ihren soundsovielten Marathon laufen…mein Respekt gehört jedem dieser Männer, die jetzt noch so an mir vorbeiziehen können. Kilometer, 37, 38 ich bleibe an jeder Wasserstelle stehen esse weiter Bananen en masse, trinke viel. Gönne mir 15 sekündige Pausen für jeden Becher Wasser; danach geht es dann immer wieder schneller. Ich kämpfe mich von Wasserstelle zu Wasserstelle. Würde jetzt ein Bus neben mir herfahren, und mir verführerisch zurufen, ich solle einsteigen…ich wäre sicher der Letzte der es nicht machen würde…aber mein Traum…unter drei Stunden…ich muss es schaffen und bin doch froh, dass mich keiner mitnehmen will. Ich denke bereits an die Zeit nach dem Rennen, das gibt Auftrieb. Meine Schilderungen hier…ich kann nicht beschreiben, wie hart es wirklich ist, das kann wohl nur jemand nachvollziehen, der selbst schon mal einen Marathon gelaufen ist.

Die letzten beiden Kilometer… ich fange mich etwas, habe noch über 12 Minuten Zeit bis zu den drei Stunden; die Gewissheit kommt so langsam…Junge, du schaffst es tatsächlich doch noch, trotz deines Einbruches, eine festliche Stimmung kommt in mir auf, es klappt! Der letzte Kilometer, die roten Teufel am Wegrand, die Begeisterung der Fans; unbeschreiblich, unbeschreiblich… ich kann jedoch kaum noch darauf achten leider. Wenn ich sagen würde trotz aller Schmerzen an den Beinen und Blasen, sowie der sich schon seit einigen Kilometer wieder bemerkbar machenden Achillessehne, würde mich das Publikum nun ins Ziel tragen…es wäre eine glatte Lüge… der letzte Kilometer ist der längste von allen, wann taucht endlich das Ziel auf…endlich sieht man es in der Ferne; ich schaffe es unter drei Stunden…ich habe es tatsächlich geschafft… 30 Meter vor dem Ziel sehe ich, dass die Uhr auf die 2:58 Grenze zuläuft, 2:57:41, 2:57:42… mit ein paar schnelleren Schritten ( ich wage nicht das als Endspurt zu bezeichnen) bleib ich sogar noch darunter 2:57:57 Stunden; hört sich auch noch schön an und kann man sich leicht merken. Meine Bestzeit hab ich um 8 Minuten verbessert! Der Einbruch ist so sicher wie das Amen in der Kirche, wenn man so angeht wie ich, ich habe meine Lektion gelernt…erste Hälfte: 1:19:54, zweite Hälfte 1:38:03. Jens Keller, der Schwimmer, hat vor dem Start in Dortmund gesagt, der Marathon beginne erst ab Km 35…ich würde sogar sagen, er beginnt schon bei Km 30…

Hinter dem Ziel, sobald ich nicht mehr laufe, sondern gehe, kann ich wieder nur humpeln, genau wie im Vorjahr. Eine Freundin ist gekommen, sie steht hinter den Absperrungen ruft meinen Namen, ich kann nur müde zurückwinken und leicht lächeln…ich bin fix und fertig. Jedoch nicht so fertig wie andere, die auf Baren davongetragen werden müssen. Hätte ich das Tempo nicht zurückgenommen am ende…dieses Schicksal kann einen wirklich leicht treffen bei zuviel Ehrgeiz; da hab ich mich dann doch gut zurückgenommen. Ich schwöre mir auf der Stelle, dass das mein letzter Marathon auf Zeit war; demnächst will ich nur noch für die Galerie laufen und mich auf Halbmarathons konzentrieren, das nehm ich mir fest vor. Aber dennoch, als ich mich mit letzter Kraft zu den beiden jungen Physiotherapeutinnen-Azubis auf die Liege gehievt habe zur Massage, auch wenn ich die nächsten Tage viele Schmerzen haben werde…mein Traum, den ich ein Jahr lang hatte, seit meinem ersten Marathon, er ist wahr geworden; einmal bin ich unter drei Stunden gelaufen…